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Forthcoming: Verstehbarkeit historischer Sprachstufen des Deutschen: Eine linguistische Analyse des Althochdeutschen, Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen aus der Perspektive des Gegenwartsdeutschen
Synopsis
Die Arbeit untersucht die spontane, also ohne vorheriges Lernen mögliche Verstehbarkeit historischer Sprachstufen des Deutschen für Sprecherinnen und Sprecher des Gegenwartsdeutschen. Zu diesem Zweck verbindet sie einen theoretischen Teil mit einem empirischen Projekt, das in zwei komplementär angelegten Untersuchungen die Wort- und Textverstehbarkeit in den Blick nimmt.
Die erste, quantitativ ausgerichtete Untersuchung ermittelt erstmals belastbare empirische Werte zur Verstehbarkeit des Althochdeutschen, Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen: Althochdeutsches Testmaterial wird im Schnitt zu 40 Prozent richtig erschlossen, mittelhochdeutsches zu 59 Prozent und frühneuhochdeutsches zu 88 Prozent. Die Verstehbarkeit fällt also umso eingeschränkter aus, je weiter eine Sprachstufe zeitlich von der Gegenwartssprache entfernt ist. Zugleich identifiziert die Arbeit inner- und außersprachliche Faktoren, die die Verstehbarkeit beeinflussen, etwa den lexikalischen, graphischen und syntaktischen Abstand zum Neuhochdeutschen, die Wortfrequenz sowie Fremdsprachen- und Dialektkompetenzen der Testpersonen. Außerdem prüft sie sprachstufenabgrenzende Phänomene, etwa die Vokalreduktion in unbetonten Silben, die Auslautverhärtung, die Entstehung von Periphrasen sowie den Ausbau der Satzklammer, darauf, ob bzw. inwiefern sie erklären können, warum die Verstehbarkeit mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Neuhochdeutschen abnimmt. Die zweite, qualitativ angelegte Untersuchung nimmt mithilfe der Methode des Lauten Denkens die Verstehensprozesse selbst in den Blick und fragt, wie nicht-linguistisch geschulte Personen althochdeutsches Testmaterial spontan erschließen. Dabei zeigen sich bei der Einzelworterkennung wiederkehrende Strategien, etwa das Herstellen formaler Ähnlichkeiten zwischen Testwörtern und bekannten Wörtern, das Verschieben des Wortakzents, das Zerlegen von Wörtern in einzelne Bestandteile oder der Rückgriff auf das mehrsprachige Lexikon. Beim Texterschließen wird deutlich, dass die Testpersonen zunächst einzelne Wörter erkennen und daraus schrittweise einen Satzzusammenhang und ein kohärentes Textmodell entwickeln. Dabei greifen Bottom-up- und Top-down-Prozesse ineinander, wobei lautliche und formale Ähnlichkeiten insbesondere bei der Erkennung einzelner Wörter eine wichtige Rolle spielen, während im weiteren Verlauf wissensgeleitete Inferenzen zunehmend stärker zur Erschließung des Textes beitragen.
In der Gesamtschau wird deutlich, dass aufgrund vorhandener Sprachkenntnisse im Gegenwartsdeutschen ein Zugang zu den historischen Sprachstufen möglich ist. Dieser variiert deutlich je nach Sprachstufe und ist mit zunehmender zeitlicher Distanz zur Gegenwartssprache stärker eingeschränkt, was insbesondere auf wachsende strukturelle Unterschiede zurückzuführen ist. Daraus lässt sich insgesamt ein ermutigendes Signal für die Praxis ableiten: Der Erwerb rezeptiver Kompetenzen in den älteren Sprachstufen des Deutschen erweist sich weniger als das Erlernen völlig neuer Strukturen denn als die Aktivierung und systematische Erweiterung bereits vorhandenen Wissens. Die Arbeit plädiert daher dafür, die historischen Sprachstufen des Deutschen nicht primär wie „fremde“ Sprachen zu behandeln, sondern ihre Anschlussfähigkeit an bestehende Sprachkenntnisse gezielt zu nutzen.
